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Schwiegermutter wird’s richten

Annelie Klein am 05.04.2012
verschlossene TürAn einem besagten Donnerstagabend, ich hatte auf einer neurologischen Abteilung Spätdienst, ging es plötzlich einem unserer Patienten schlecht. Es war nicht irgendein Patient sondern ein Privatpatient von Professor Dr. Schönbaum (Name geändert) welcher sich in unserer Obhut befand. Besagter Professor Schönbaum war eigentlich Orthopäde und hatte auf unserer Abteilung für Neurologische Erkrankungen einige Betten für seine orthopädischen Patienten.
So schön so gut.
Unser sympathischer Professor hatte so seine Eigenheiten. An seiner holden Bürotür mochte er z.B. keinen Briefkasten. So durften wir, als Hol- und Bringedienst, welchen wir Pflegefachkräfte damals mal eben mit verrichteten, alle Konsularscheine, Befunde und was sonst noch so auf Papier gedruckt wird, unter dem Türschlitz hindurchschieben. Das änderte unsere couragierte Abteilungsleitung eines Tages diskussionslos und beauftragte die Handwerker des Hauses mit Bohrmaschine bewaffnet einen Briefkasten im Eingangsbereich seines ärztlichen Anwesens anzubringen.

Aber eben an diesem besagten Abend war guter Rat teuer. Unser Patient Herr Korn (Name geändert) fühlte sich anfangs nicht wohl. Das steigerte sich soweit, dass wir den diensthabenden Neurologen herbeiriefen, um nach dem Patienten zu sehen. Der Neurologe kam. Sah nach dem Patienten und war sich seiner Sache nicht wirklich sicher. Ein Blick in die Krankenakte würde weiterhelfen. Nur waren alle Krankenakten der orthopädischen Patienten nicht auf unserer Abteilung, sondern befanden sich im Büro von Prof. Dr. Schönbaum. Dieses Büro war obendrein auch noch in einem Gebäudekomplex, wo man nicht so einfach reinspazieren konnte. Zudem war es schon etwas später, die Sekretärin zu Hause und die ärztlichen Kollegen hatten keinen Schlüssel zu den Büroräumen des Orthopäden.

Was tun? Wir telefonierten. Wir hatten ja sonst auch rein gar nichts zu tun, außer 36 Patienten zu versorgen. Nur erreichten wir den lieben Doktor nicht. Meiner Kollegin gelang es schließlich, die Schwiegermutter unseres Professors ans Telefon zu bekommen. Sie verriet uns, dass ihr Schwiegersohn sich gerade auf dem Ärztekongress rumtummelt, also in einer anderen Stadt sei. Von daher sei er dort natürlich nicht erreichbar. Wir waren „begeistert“! „Aber“ meinte die alte Dame am Telefon, „ich werde mal sehen, was ich machen kann“!

Wir warteten. Beruhigten den Patienten, beruhigten den diensthabenden Neurologen und stürzten uns in die Arbeit. Ungefähr eineinhalb Stunden später flog die Tür zu unserer Abteilung auf. Prof. Dr. Schönbaum stolperte herein. Sein Gesichtsausdruck verriet eine Mischung aus Peinlichkeit und Entrüstung. Eine Krankenakte unter seinem Arm klemmend, eilte er an uns vorbei. Unser Neurologe war sichtlich erleichtert, war er schon versucht gewesen, die Bürotür vom Prof. aufbrechen zu lassen. Die beiden fachsimpelten eine ganze Weile, mal mit, mal ohne Patient. Schließlich wurde unserem Patienten geholfen.

In der Zwischenzeit, rief die Schwiegermutter des Professors auf unserer Abteilung zurück. Sie fragte, ob denn ihr Sohn angekommen sei. Ich habe das Gespräch nicht mitgehört, aber das Grinsen auf dem Gesicht meiner Kollegin wurde immer breiter.
Die alte Dame hatte kurzerhand die Polizei angerufen und ihnen mitgeteilt, dass sie ihren Sohn aus dem Ärztekongress rausfischen möchten, da es einem seiner Patienten schlecht ginge und die Krankenakten weggeschlossen seien. So überraschten die Beamten Prof. Dr. auf dem Kongress und begleiteten ihn ein Stück in Richtung Klinik.

Wir erhielten neben dem Briefkasten an Professors Bürotür auch einen Schlüssel zu den Krankenakten.
abgeholt_polizei
Tags: examinierte Krankenschwester Onkologie Fachschwester

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