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Meine Erlebnisse als freiberufliche Krankenschwester: Lilly

Lisa-Marie Henning am 07.07.2012

Ich hatte an diesem Nachmittag als freiberufliche Krankenschwester Spätdienst auf einer Intensivstation. Bei uns war ein kleiner Patient, ein 8 jähriges Mädchen welches nach einem Unfall zu uns kam, Lilly.
Lilly war ein Heimkind, nachdem es vor einigen Monaten seine Eltern bei einem Verkehrsunfall verlor. Die Welt des Mädchens bestand aus einer Mischung von erstaunlicher Tapferkeit und dem ständigen Kampf, seine Trauer um seine Eltern zu verarbeiten. Das trug dazu bei, dass Lilly nicht immer ganz einfach war. Sie schwankte zwischen Verschlossenheit, Aufmüpfigkeit und der natürlichen Neugierde einer 8-Jährigen.

Doch seit einigen Tagen war es anders. Lillys Herz begann Hoffnung zu schöpfen. Sie sollte eigentlich verlegt werden, aber unsere Oberärzte entschieden, sie zur Beobachtung noch ein, zwei Tage bei uns zu behalten. Ich versorgte Lilly und versuchte mich redlich als Ersatzmutti und Krankenschwester zugleich. An diesem Nachmittag strahlte Lillys Herz wie eine kleine Sonne, denn es bestand die Möglichkeit, zu ihren Großeltern zu ziehen. Dazu musste ein so lebendiges Mädchen das gerade ein schweres Trauma verarbeitete und zudem noch selber einen Unfall hatte, sich damit anfreunden, wieder in geordnete, familiärere Verhältnisse zu kommen, ganz im Gegensatz zu einem Kinderheim.

Lilly erhielt Besuch. Ihre Großeltern kamen und ihre Begeisterung kannte keine Grenzen.
Lilly spielte aufgeregt mit ihren Sachen und war schwer im Bett zu behalten. So eine Intensivstation ist nun mal kein Kinderspielplatz.

Zudem bekam ich im Nachbarzimmer noch einen Neuzugang. Ein junger Mann war mit seinem Wagen in Begleitung seiner Freundin von der Landstraße abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Die Freundin war sofort tot. Ihn aber konnte die Feuerwehr aus dem Auto befreien, bevor es in Flammen aufging. Nachdem unsere Traumatologen ihn 12 Stunden nonstop operiert hatten, kam er zu uns. Besser gesagt zu mir. Es war wirklich tragisch. Ich hatte alle Hände voll zu tun, um ihn stabil zu halten und der Stationsarzt war längere Zeit in meinem Zimmer beschäftigt.

Als ich nach ca. zwei Stunden wieder Luft hatte, um mich genauer um Lilly zu kümmern, sprachen ihre Großeltern gerade mit dem Kinderarzt. Die Erwachsenen standen im Flur in der Nähe des Pateientenzimmers. Lilly saß apathisch im Bett und spielte ohne jegliche Mimik mit ihrem Matchboxauto.

Ihre Großeltern erklärten dem Arzt, warum sie das Kind nicht aufziehen wollten. Lilly sollte zurück ins Kinderheim. Die Großeltern fühlten sich einfach zu alt, um die Verantwortung für ihren Enkel zu übernehmen. Es musste mir niemand sagen wie es in Lillys Herzen aussah. Ich konnte es sehen. Ich sah es an ihrer maskenhaften Mimik, ihren toten Gesten und ihrem scheuen Aufschauen nach einer Welt, die es für sie nicht mehr gab.

In Lillys Herzen war die Hoffnung gestorben und sie hatte keine Kraft, um laut zu schreien. Dafür musste ich mich zusammenreißen. Ich versuchte Lilly aufzumuntern. Aber wie sollte ich einem Kind helfen, dass soeben seine Hoffnung auf eine neue Familie sterben sah? Ein Überredungsversuch an die Großeltern? „Bitte nehmen Sie doch Ihren Enkel auf, Sie werden die Herausforderung bestimmt meistern“?! Ein Blick in die Gesichter der alten Herrschaften signalisierte ein klares Nein.

Das war schmerzhaft. Lillys Gefühlswelt versteinerte in diesen Stunden. Niemand konnte sagen, welche Schlacht gerade in ihrem Herzen tobte. Sie selber am allerwenigsten.

So kümmerte ich mich weiter um Lilly, als Ersatzmutti und Krankenschwester zugleich. Wenigstens in der kurzen Zeit, die ich bei ihr sein konnte, sollte sie die Wärme spüren die ein 8-jähriges Kind braucht.
Tags: Intensivstation Unfallversorgung selbständige Fachkrankenschwester für Intensivpflege

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