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Zu spät

Anita Schröter am 12.07.2012
Martin Dennhagen kam zu uns, als es schon zu spät war. Unsere Kieferchirurgie war bekannt für eine hervorragende Versorgung und wir hatten wirklich ausgesprochen gute Ärzte, die ihr Handwerk verstanden. In diesem Fall aber kamen auch unsere Ärzte an ihre Grenzen.

Herr Dennhagen war 1,95 m groß und wog ca. 55 kg. Er war jahrelang nicht zum Zahnarzt gegangen und konnte die Katastrophe trotz all dem nicht mit „Wegschauen“ abwenden. Mit einem Halstuch hatte er seinen Hals und seine untere Gesichtshälfte verhüllt.
Unsere Stationsschwester schüttelte traurig mit dem Kopf, als sie ihn sah und seine Krankenakte anlegte. Fortgeschrittenes Mundbodenkarzinom. Mit anderen Worten, es war zu spät. Die Nahrungsaufnahme klappte nur sehr mühsam und wir versuchten es abwechselnd mit pürierter Kost und Suppen. Allerdings benötigte Herr Dennhagen schon nach wenigen Tagen eine Magensonde, damit er bei uns nicht verhungerte. Das muss für ihn so unangenehm gewesen sein, dass er sich diese selber wieder zog.
Ich versuchte auf ihn einzugehen. Aber es gelang mir kaum, sein verschlossenes Wesen zu ergründen. Als ich ihm eine neue Magensonde legte, fing er an zu weinen. Ich verstand nur zu gut, wie sehr er unter seiner Krankheit litt. Ich gab ihm seine Sondenkost, ich hatte sie vorher ein wenig angewärmt, denn kalte Flüssigkeit konnte bei ihm schnell zu Brechreiz führen, wenn er die Kühle der Sondenkost im Nasen-Rachenraum durch die Magensonde spürte. Gott sei Dank nahm er unsere Hilfe an und so konnten wir ihn ein wenig aufpäppeln.

Leider nicht für lange. Herr Dennhagen brauchte eine höhere Dosis Schmerzmittel und wir mussten ihm bald über Perfusor Morphium verabreichen, welches permanent über 24 Stunden lief.
An einem Nachmittag war ihm die Magensonde rausgerutscht und sein Verband, der die mittlerweile offenen Wunden seines Unterkiefers abdeckte, war vollkommen von Schleim und Resten der Sondenkost durchtränkt. Ich nahm meinen Patienten mit ins Badezimmer.
Es war ein sehr geräumiger Raum, in welchem ich ihn nicht nur duschen konnte, sondern auch gleich den Verbandswechsel vornehmen wollte. Während der Körperpflege stellte ich fest, dass Herr Dennhagen weiterhin abgenommen hatte. Ich nahm ihm den alten Verband ab. Dabei fielen mir zwei kleine, silberne Schrauben in die Hände. Ich sah meinen Patienten an und fragte, ob die Schrauben von einer alten Kieferoperation herrührten. Er nickte traurig. Schmerzen hatte er bei dem Verbandswechsel Gott sei Dank nicht. Ich versorgte die Wunde so gut es ging und legte ihm eine Art Kopfverband an, damit es überhaupt hielt. Denn der Unterkiefer meines Patienten war bereits so weit vom Krebs zerfressen, dass er die Schrauben, die man vor vielen Jahren einmal zwecks Stabilisierung nach Kieferfraktur benutzt hatte, verlor. Ich zog ihm ein Nachthemd an und wir machten uns auf den Weg in sein Patientenzimmer. Als wir auf dem Flur standen, hielt sich Herr Dennhagen umständlich an seinem Nachthemd fest, wobei er es fast verlor. Einige Besucher, die sich auf dem Flur mit ihren Angehörigen aufhielten, bekamen das Szenario mit. Einer Frau kam beim Anblick von Herrn Dennhagen die Tränen. Sie hielt sich die Hand vor dem Mund und unterdrückte ein entsetztes Schluchzen. Mir wurde plötzlich bewusst, wie sich die Frau fühlen musste, die im Gegensatz zu mir nicht jeden Tag mit dem Leid dieser Menschen konfrontiert war. Herr Dennhagen war zu diesem Zeitpunkt extrem abgemagert. Es war erstaunlich, dass er überhaupt noch einigermaßen laufen konnte. Wir schafften es zurück in sein Zimmer. Ab und zu mussten wir anhalten, damit er Kraft schöpfen konnte. Auf dem Flur unserer Abteilung breitete sich Stille aus. Die Besucher der anderen Patienten fühlten, dass vor ihren Augen ein Mensch seinen letzten Weg ging.
Wir schafften es in sein Zimmer und ich half Herrn Dennhagen in sein Bett.

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wie lange er noch lebte. Ich weiß noch, dass wir die Schmerzmitteldosis erhöhten und er nicht mehr viel Zeit hatte.
Als ich das Patientenzimmer verließ saßen einige Patienten mit ihrem Besuch auf dem Flur. Sie nickten mir traurig zu und ich hörte Bemerkungen wie „mein Gott ist das tragisch“ und „Schwester, ich bewundere sie“.
Ob ich Bewunderung brauche? Eher nicht. Wohl aber ein großes Herz und eine Menge fachliches Know How, um meinen Patienten gut zu begegnen.
Tags: freiberufliche Krankenschwester Palliativ-Care-Nurse

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