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Hannes Tod

Evelyn Claarsen am 29.08.2012
KinderhandUnsere Klinik liegt am Stadtrand meines Heimatortes umgeben von idyllischen Dörfern und Gehöften. Die Menschen hier lieben diese Gegend und sind mit allem was sie sind und haben über Generationen verwurzelt. Im Sommer erstrahlen die Weiden im saftigen grün und auf ihnen tummeln sich Pferde, Kühe, Hund und Katze der angrenzenden Bauernhäuser. Im Winter ist es eher ungemütlich aber was macht schon das schlechte Wetter bei einer Tasse heißem Tee in der guten Stube.

Ich arbeitete schon einige Zeit auf der chirurgischen Intensivstation unserer Klinik.Unsere Abteilung umfasste 18 Betten, die quasi immer belegt waren. An diesem Nachmittag war ich zuständig für ein Zimmer, in dem zwei tragisch verunglückte Patienten lagen. Der ältere von ihnen, ein Mann Anfang dreißig, war während seiner Arbeit kopfüber durch eine Luke in einen Schacht gestürzt. Das hatte zu ernsthaften Verletzungen seines Schädels, Gesichtes, der Schulter und beider Arme geführt. Er konnte von Glück sagen, dass er nicht nur am Leben war, sondern auch keinen Querschnitt davon getragen hatte. Zu dem sprach er kein Wort Deutsch und ich kein Portugiesisch. So versuchte ich mich mit Englisch und Zeichensprache durchzuschlagen, man tut halt was man kann.

Mein zweiter Patient, war gerade eingeliefert worden. Es handelte sich um einen 10-jährigen Jungen. Hannes, so hieß er, lebte in einem der umliegenden Dörfer und half regelmäßig einem Landwirt auf dessen Hof aus. Das machte ihm riesigen Spaß und so hatte er in den umliegenden Gehöften einige Bauern zum Freund. An diesem schicksalshaften Nachmittag war er bei Bauer Jöhrensen zu Gast. Der Junge rannte auf dem Hof herum, spielte mit dem Hund, den Katzen und den schimpfenden Gänsen und versuchte dabei Ordnung in die Scheune zu bringen.
Bauer Jöhrensen sollte bald mit seinem Trecker vom Feld kommen und das wollte Hannes nicht verpassen. Trecker fahren war das allerschärfste. Er durfte bei dem Bauern öfters mit über die Felder fahren. Das Gut war ein Familienbesitzt und Bauer Jöhrensen bestellte den Hof nun schon in der vierten Generation.

Vielleicht bellte der Hund zu laut oder die Gänse schnatterten zu aufgeregt aber Hannes bemerkte beim Rumtollen das Herannahen des Treckers zu spät. Auch wenn Hannes den Trecker eigentlich nicht überhören konnte, so war doch die Distanz zwischen dem Kind und dem monströsen Vehikel plötzlich gefährlich gering. Der Hund tollte und Hannes rutschte auf dem feuchten Boden aus. Bauer Jöhrensen konnte nicht mehr ausweichen. Hannes landete beim Fallen unglücklich auf dem Rücken und geriet mit seinem Kopf unter die Räder des mächtigen Gefährtes. Der entsetzte Landwirt brachte seinen Trecker zum Stehen und stürzte zu dem schwerverletzten Kind, das reglos am Boden lag.
Ich kann mir nur ausmahlen, mit welcher Verzweiflung Bauer Jöhrensen die Feuerwehr benachrichtige, die sofort einen Rettungshubschrauber losschickte. Es durfte keine Zeit verschenkt werden. Hannes wurde in unsere Klinik eingeliefert und befand sich alsbald in unserer und meiner Obhut. Es war eine herzzerreißende Situation.
Unser Oberarzt, Dr. John, ein altgedienter Internist bemühte sich um Hannes und erhoffte sich mit jeder Untersuchung irgendwelche Lebenszeichen des Kindes, um einen Hirntod auszuschließen. Der Junge war bis auf sein Schädel-Hirn-Trauma gesund, ja, bis auf die Tatsache, dass er diese Verletzungen nicht überleben würde.
Ich hatte nun genügend Kummer mit meinen beiden Unglückspatienten, als auf unserer Abteilung eine Diskussion entflammte. Einige Kollegen äußerten Bedenken, das Kind zur Organspende freizugeben. Sie waren selber Eltern und taten sich schwer mit diesem Gedanken. Niemand von ihnen war frei von dem berüchtigten „was wäre, wenn das mein Kind wäre…“? Fantasien. Ich bekam das nur am Rande mit und da unsere Intensivstation neben dem OP-Trakt lag, hörte ich, dass wohl auch die OP-Schwestern ihre Gespräche über unseren Hannes führten.

Das Unvermeidliche trat ein. Hannes Hirntod wurde bestätigt und seine Eltern gaben ihr Kind zur Organspende frei. Von nun an hieß es den Kreislauf des Jungen stabil zu halten. In so einer Situation ist es ein erheblicher Unterschied, ob man es mit erwachsenen Patienten oder mit Kindern zu tun hat. Ich sah Dr. John am Bett des Kindes stehen und bemerkte, dass er leise weinte. Er gehörte zu der Sorte Mediziner, die sich buchstäblich um seine Patienten sorgten, er war selber Vater von drei Töchtern. Der Abend war längst angebrochen und der Blick aus dem Patientenzimmer fiel direkt auf den beleuchteten Hubschrauberlandeplatz. Die Situation schien fast unwirklich.
Die Lichter des Landeplatzes brannten kreisrund, der Abendhimmel war in dunkles violett getaucht, die Lampen aller Perfusoren, Infusomaten, des Beatmungsgerätes, der Monitore flimmerten, hier und da die üblichen Geräusche einer Intensivstation und dazwischen das leise Weinen eines Arztes am Bett eines sterbenden Kindes. Das alles ergab ein surreales Bild und war für mich emotional mehr als anstrengend.Was mich in diesem Moment am meisten wunderte, war die Abwesenheit von Hannes Eltern. Dafür stand Dr. John an seinem Bett.

Schließlich traf das OP-Team ein. Ich weiß nicht mehr genau, warum überhaupt die Herrschaften von außerhalb kamen, jedenfalls landeten sie mit dem ersten Hubschrauber. Von meinem Zimmer aus konnte ich das Szenario direkt mitverfolgen. Wir bereiteten Hannes für die OP vor. Ich brachte ihn an die OP Schleuse, und meine Kollegen von der Anästhesie nahmen ihn in Empfang. Wieder zurück im Patientenzimmer benötigte mein portugiesischer Patient meine Hilfe. Nebenbei bemerkte ich, wie ein zweiter Hubschrauber landete. Die Zeit war schnell vergangen. Es war wohl jemand, der die Organe abholen sollte, denn irgendwo in Europa, wurde gerade ein anderer Patient auf die Transplantation vorbereitet, der eines von Hannes Organen erhalten sollte. Zeit ist kostbar, sie durfte nicht umsonst verstreichen.
Für Hannes aber war sie abgelaufen.
Für mich ging ein trauriger Tag vorüber und ich fuhr nachdenklich nach Hause.
In diesem Augenblick wurde mir mehr als deutlich wie zerbrechlich unser Leben ist und wie sehr wir es beschützen müssen.
Tags: Evelyn Claarsen Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivmedizin Kinderintensiv Unfall traurige Geschichte

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