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Der Qualitätsanspruch der freiberuflichen Pflege

Johannes Schwabe am 26.01.2012
Die Zeiten in der Krankenpflege, in der jede Pflegekraft quasi aus dem Bauch heraus nach eigenem Ermessen gepflegt hat, sind lange vorbei. Die Pflege heute ist geplant und standardisiert. Die Qualität der Pflege lässt sich messen. Der Pflegewissenschaft verdanken wir u.a. die Expertenstandards. Ich möchte nicht unkritisch erscheinen und erkenne auch die Kehrseite dieser Entwicklung an: eine überladene Dokumentation.

Zu Beginn meiner selbständigen Tätigkeit als Pflegefachkraft habe ich mich zunächst an den (vermuteten) Bedürfnissen der Auftraggeber orientiert. Aus der jeweiligen Personalknappheit heraus müssen externe Fachkräfte hinzugebucht werden. Also greift man besser auf hochqualifizierte und motivierte Freiberufler zurück, anstatt auf teurere Leasingkräfte. Damit ist eine zuverlässige und reibungslose Patientenversorgung gewährleistet. Die Kunden gewöhnen sich schnell an ein neues Gesicht und freuen sich über motivierte Fachleute vor Ort. Für mich ist es mittlerweile ein Kinderspiel, wenn ich mich in neuen Gegebenheiten, sei es in einer Einrichtung oder bei meinen Patienten zu Hause, zurechtfinden muss. Wer ständig für neue Kunden unterwegs ist, entwickelt den treffsicheren Orientierungssinn eines guten Taxifahrers.

Nach einiger Zeit gewinne ich ein immer differenzierteres Bild über meine Tätigkeit, meinen Kunden und deren Bedürfnisse. Ich respektiere seine Sichtweise und packe da an, wo meine Hilfe gebraucht wird.

Einige Dinge fallen mir ins Auge und ich denke, dass es wichtig ist, seine Arbeit immer wieder von neuem zu reflektieren. Denn: was nicht zulässig oder schlicht verkehrt ist, wird nicht dadurch zulässig oder gar besser, weil es alle anderen immer so gemacht haben. Schließlich arbeite ich selbständig. Bei mir liegt die Durchführungsverantwortung und in letzter Konsequenz bin ich verantwortlich und stehe auch für mein Fehlverhalten gerade. An dieser Stelle möchte ich keine Missverständnisse aufkommen lassen. Ich arbeite auch nicht fehlerfrei – Menschen machen Fehler. Aber ich bin mir über die hohe Verantwortung, die mein Tun und Handeln nach sich zieht, durchaus im Klaren.
Da ich also weiß, dass zwischen der Anwendung von zwei spezifischen Augentropfen mindestens fünf Minuten Abstand während der Verabreichung eingehalten werden müssen, da sich sonst die Wirkung aufhebt, darf ich darüber nicht hinwegsehen. Wenn von allen Pflegekräften eine Vorlage in ein geschlossenes Inkontinenzmittel eingelegt wird, (... nur so zur Nacht weil sonst morgens das ganze Bett nass ist ...) so ist das noch lange nicht zulässig. In diesem Fall ist das Inkontinenzprodukt schlicht und einfach falsch gewählt und muss durch ein entsprechend aufnahmefähigeres Präparat ersetzt werden. Das Bett ist zwar morgens trocken, aber der Patient lag die ganze Nacht im Nassen, weil die Ausscheidung eingefangen, aber nicht aufgenommen wurde und dem Patienten so ernsthafte Hautschäden drohen.

Natürlich kenne ich das Phänomen der Betriebsblindheit, des Herdentriebs, einer unvollständigen Kommunikation zwischen den Berufsgruppen, Lücken in der Fachkenntnis, die für selbständige Pflegefachkräfte schlichtweg indiskutabel sind und die liebe, alte Bequemlichkeit. Natürlich kann ich nicht immer alles wissen, aber ich lass mich ständig auf Neues ein und gewinne so täglich hinzu.
Aus professioneller Sicht ist von allen Kollegen zu erwarten, dass zur Erreichung der jeweiligen Qualitätsziele Anregungen positiv aufgenommen werden.

Heute fühle ich mich weniger den momentanen Bedürfnissen einer Einrichtung gegenüber verpflichtet, als den Bedürfnissen, die deren Patienten nach guter Pflege haben. Dazu sehe ich mich als selbständige Pflegefachkraft aufgrund meiner Qualifikation in der Verantwortung. Denn ich weiß: Patienten und auch Pflegedienste werden es uns danken.
Tags: Freiberuflicher Krankenpfleger Johannes Schwabe Qualität der freiberuflichen Pflege Verantwortung Selbständiges Handeln

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